Homosexualität und Musikalität

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„Hast du es deiner Mutter schon gesagt?“ Eine dramatische Gretchenfrage. Der Mutter sagen: „Ich bin schwul(1)“. Dagegen wäre das Geständnis „ich bin musikalisch“ viel weniger dramatisch. Warum eigentlich? Wozu dieser immense emotionale Unterschied zwischen den beiden Themen? Bei der Musikalität geht es darum, ob ich ein Musikinstrument bekomme, ob mir die Eltern den Musikunterricht bezahlen; oder es geht darum, ob ich davon verschont werde, weil es keinen Sinn machte, mich mit Klavierstunden zu traktieren. Anders bei der Homosexualität. Hier geht darum, ob ich normal bin, ob ich dazugehöre oder nicht. Die Härte des Druckes, zu gestehen – oder zu verheimlichen – „schwul zu sein“, ist die Härte der Hetero-Norm. Die Übermacht der Hetero-Norm zeigt sich auch darin, dass die von dieser Norm Abweichenden mit einer anderen Identität etikettiert und fixiert werden. Wer sich dazu bekennt, „schwul zu sein“, festigt und beruhigt die Hetero-Norm. Eingestandene Sünde ist halb verziehen. Der Geständige verlässt freiwillig den Bereich der Normalität und begibt sich in den Zoo der Abweichler und dort in das Gehege der „Schwulen“. Als geouteter und stigmatisierter „Schwuler“ darf er in der Gesellschaft der Normalen mitmachen und kann mitunter dort sogar Karriere machen. Durch sein Outing und mit seinem Etikett befriedet er die Hetero-Norm und darf dazugehören.

Die Analogie mit der Musikalität erscheint unseriös und frivol, denn sie lässt Freiheiten dort erscheinen, wo es angeblich keine Freiheit gibt. Der Schwule hat es sich nicht ausgesucht, schwul zu sein. Es ist sein Schicksal. Eine tolerante Gesellschaft hilft ihm dabei, damit klarzukommen. Und eine intolerante Gesellschaft wird ihn unterdrücken, egal ob er sich outet oder nicht. Das Bild der Musikalität dagegen lässt Entwicklungsmöglichkeiten erscheinen. Wer kennt nicht jemanden, der überzeugt ist, nicht singen zu können und ganz und gar unmusikalisch zu sein? Und oft ist es so, dass der vermeintlich Unmusikalische hier viel entdecken kann, vielleicht ein Instrument erlernt, in einen Chor geht, tanzen geht oder zumindest als Zuhörer mit Musik glücklich wird. Kein großes Drama, keine Identitätskrise. Was spricht dagegen, eine ähnliche freundliche Wachstums- und Lern-Perspektive auch im Bereich der sexuellen Norm-Abweichungen zu befürworten und zu fördern?

Das Entscheidende ist die moralische Bewertung. So lange die Hetero-Norm vorherrscht, so lange werden Abweichungen als Problem empfunden. Je mehr die erdrückende Übermacht Hetero-Norm in Frage gestellt wird, desto mehr werden Norm-Abweichungen nicht mehr grundsätzlich angstvoll abgewehrt sondern als Erweiterung der menschlichen Entfaltungsmöglichkeiten ins Auge gefasst und willkommen geheißen. Es wird zu einem spannenden Lebensthema, sexuelle Minderheiten im eigenen Gefühlsleben zu entdecken. Diese sexuellen Minderheiten in einem selber müssen nicht mehr unterdrückt sondern können mit Neugierde begrüßt und kultiviert werden – so ähnlich eben wie beispielsweise ein musikalisches Talent. Je mehr dies geschieht, umso mehr wandelt sich die Gesellschaft von einer prüden Homosexualität-verachtenden Gesellschaft zu einer „musikalischen“ Gesellschaft, in der die Vermehrung sexueller Glücksmöglichkeiten als kultureller Fortschritt anerkannt wird.

(1) In diesem kurzen Beitrag beschränke ich mich auf „Cis“-Männer, die sich darüber Gedanken machen, ob sie „schwul sind“ oder nicht.

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