queer normal machen

Ein Kommentar zu Charlies Blogpost Kartenhaus der Normalität

Es ist interessant, über Normalität nachzudenken. Erster Reflex: „Normal“, also durchschnittlich, wer will denn das schon sein – ich jedenfalls nicht, ich bin besser, nämlich überdurchschnittlich! Zweiter Reflex: ich will ganz „normal“ dazugehören, und nicht als Andersartiger eine Sonderrolle spielen müssen. Und damit beginnen die Probleme: mir wird von den Anderen diese Andersartigkeit nämlich zugewiesen. Was auch an mir liegt, denn ich proklamiere ja: seid neugierig, entdeckt eure Bisexualität, denkt nach über Polyamorie.

Der Punkt ist, dass ich diesen Appell, „seid neugierig, entdeckt eure Bisexualität, denkt nach über Polyamorie“, zur gesellschaftlichen Normalität machen möchte. So wie es gesellschaftliche Normalität ist, über Gott, über die deutsche NS-Vergangenheit, über etwaige rassistische Überlegenheitsgefühle nachdenken zu sollen, so – stelle ich mir vor – müsste es gesellschaftliche Normalität werden, über ein Liebesleben und ein Familienleben jenseits der Hetero-Norm nachdenken zu sollen. Und dazu möchte ich beitragen.

Ich fürchte, diesen gesellschaftlichen Fortschritt werden wir nicht dadurch vorantreiben, indem wir uns als „queere Menschen“ begreifen, und dann das Problem erörtern, wie sichtbar wir nun als „queere Menschen“ sein dürfen oder wollen oder sollen. Denn damit würden wir die uns zugewiesene Andersartigkeit nur bestätigen und verewigen. Würden uns für etwas Besonderes halten und stets darunter leiden, dass unsere „Besonderheit“ von den Anderen nicht anerkannt wird. Das wäre dann wirklich ein Kartenhaus, das einem immer wieder umgeworfen wird.

Ich plädiere dafür, den problematischen Adelstitel der angeblichen Andersartigkeit (schwul, queer, was auch immer) beherzt abzulehnen, und als ganz normaler Mensch dazu beizutragen, dass die Welt toleranter und vielfältiger wird. Ich plädiere dafür, sich nicht mehr von gesellschaftlich aufgezwungenen Identitäten verrückt machen zu lassen, sondern sich endlich mal dafür zu interessieren, was denn eigentlich die realen Freunde und Geliebten von einem halten und denken. Ich plädiere dafür, nicht händeringend um Schutz und Anerkennung zu bitten, sondern selbstbewusst, polemisch und aggressiv darauf zu bestehen, dass die weite Perspektive einer queeren Welt besser ist als die verklemmte Enge der Hetero-Norm.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Diverses veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu “queer normal machen

  1. Lieber Robert

    „aggressiv darauf zu bestehen“ – ein Dir sonst eher fremder Wesenzug soweit ich die kenne – „dass die … Perspektive einer queeren Welt besser ist als die verklemmte Enge der Hetero-Norm“ scheint mir eher keine so liebevolle Idee zu sein – und um die Erweiterung der Liebe bzw der Liebesfähigkeit soll es doch gehen, oder?
    In der Liebe – so es nicht doch um die Durchsetzung von Ideologien geht – lässt sich nun mal nur mit Verführung etwas erreichen. Wer – aus welchen Gründen auch immer – an der eigenen Verfühungskunst zweifelt, oder sich, um sich dies nicht einzugestehen, von anderen am Verführen gehindert sieht, kann jedenfalls soweit es um Liebe in all ihren Formen geht, nicht auf dem richtigen Wege sein – meine ich.

    Gruß Khaled

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s