Die queere Lichtung im Wald der Hetero-Dominanz

Ein Kommentar zu Charlies Blogpost Heten, Cissys, Stinos – Der Mittelpunkt der Welt

Ich bin kein „queerer Mensch“. Der Vorteil des Queer-Begriffes wäre eben gerade der Verzicht auf die Schubladen-Identitäten wie schwul oder lesbisch. Das Queere, das Schräge ist norm-übertretendes Verhalten, es ist eine über die Norm hinaus gehende Emotionalität, aber es ist keine andersartige Menschensorte. Queerness ist die Option, das Leben in Bereiche jenseits der heteronormativen Grenzen zu öffnen. Queerness ist eine Einladung, eine Versuchung und eine Angst – die Angst davor, dass einiges ins Rutschen geraten kann. Und ein zuversichtlicher und freundlicher Umgang mit Queerness zeigt, dass zwar einiges ins Rutschen gerät, aber die queer Abgerutschten nicht im Abgrund und Unglück landen, sondern auf einem neuen und immer größeren werdenden Spielplatz – wobei die dort gespielten Spiele durchaus ernst und leidenschaftlich sind.

Gesellschaftliche Anerkennung brauche ich nicht – mir genügt die Anerkennung seitens meiner Freunde. Nun kann es ja sein, dass es schwerer ist, abseits der Normen Freundschaften zu schließen. Aber kann es nicht auch sein, dass zumindest manche diese Freundschaften dann mehr taugen als die „mainstreamigen“ Kumpel-Kontakte? Jedenfalls ist es möglich, von der Norm abweichende Freundschaften, Gesprächskreise, Gemeinschaften zu gründen. Das Kontakt-herstellen und den Umgang mit Gruppendynamiken lernen wir übrigens vom hetero-genormten Mainstream, der eben nicht nur und ausschließlich feindselig ist, sondern eine Fülle von Kulturtechniken anbietet. Ebenso wie ich – als Atheist und Agnostiker – eine Fülle von Kulturtechniken aus religiösen Kontexten lernen kann (z.B. Chorsingen, z.B. Meditation).

Charlie, du klagst über Ungerechtigkeit und forderst so etwas wie Fairness zwischen dem Norm-Diskurs und dem Queer-Diskurs. Aber diese Fairness wird es nicht geben, und es ist fraglich ob sie gut wäre. Diejenigen, die Fortschritt (z.B. eine queere Welt) wollen, haben zu begründen, warum das was sie wollen besser ist als das was gilt. Nehmen wir ein anderes Beispiel, die mögliche Humanisierung unserer Arbeitswelt mit einem bedingungslosen Grundeinkommen. Auch hier gibt es eine Norm, so etwas wie einen „arbeitsnormativen Mainstream“, auch hierauf bezogen gibt es „queere“ Menschen, in dieser Angelegenheit wären das Menschen mit einer starken Orientierung auf Selbstbestimmung und Zeitwohlstand, Menschen mit einer gewissen polemischen Skepsis gegenüber der quasi-religiösen Vergottung der Arbeit. Es wäre nun müßig, sich zu beklagen, dass der „arbeitsnormative Mainstream“ die arbeits-„queeren“ Menschen ausgrenzte, es wäre müßig, hier Gleichberechtigung und Fairness einzufordern. Denn wenn die Neuerer sich darauf beschränken, die Diskriminierung ihrer angeblichen Andersartigkeit zu beklagen, dann haben sie schon verloren. Nein, die Neuerer haben das Bessere, das Fortschrittliche ihres Ansatzes zu begründen. Natürlich ist das anstrengender, als einfach bequem und selbstgerecht in der Norm zu verharren – aber ist es nicht auch viel aufregender?

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