Elias Canetti und unsere Arbeitsgesellschaft: Jeder Befehl, den du ausführst, bleibt als Stachel in dir

Veröffentlicht in „contraste“ September 2014

Elias Canettis Ziel war es, dem 20. Jahrhundert „an die Gurgel zu gehen“, zu erklären, wie der Nationalsozialismus diese massenhafte Zustimmung erfahren konnte. In „Masse und Macht“ (1) beschreibt Canetti die Eigendynamik der Masse. Sehr plausibel und ungeheuer beunruhigend ist seine Darstellung des Zusammenhangs von Macht und Tod.

Über Wirtschaft und Arbeit äußert sich Canetti nicht mit den gängigen Begriffen. Doch wer das Kapitel über den Befehl, „das gefährlichste einzelne Element im Zusammenleben von Menschen“ (S. 393) verstanden hat, wird arbeitsgesellschaftliche Normalitäten wie „Weisungen“, oder „Zielvereinbarungen“ danach nie mehr als Harmlosigkeiten sehen können. Im Zentrum des Befehls ist die Todesdrohung. Schon unter Tieren gibt es Befehle, den „Fluchtbefehl“: Das Raubtier zwingt seine Opfertiere zur Flucht.

Canetti zerlegt den Befehl in zwei Momente: Antrieb und Stachel. Der Antrieb bewirkt, dass der Befehlsempfänger oder die Befehlsempfängerin das tut, was befohlen wurde. Der Befehlsstachel bleibt in ihm oder ihr stecken, und zwar dann und nur dann, wenn er oder sie den Befehl befolgt hat. „Der Stachel senkt sich tief in den Menschen, der einen Befehl ausgeführt hat, und bleibt dort unverändert liegen“. (S. 360)

Den Stachel wieder loswerden

Der Befehlsstachel wartet im Befehlsempfänger so lange, bis er oder sie die Gelegenheit hat, genau diesen Befehl wieder loszuwerden. Das kann Jahrzehnte dauern; jemand hat Befehle als Kind erhalten und befolgt, und wird genau diese Befehle erteilen, sobald sich ihm oder ihr, als Erziehungsperson, die Gelegenheit dazu bietet. Denn die Befehlsstacheln stecken in den Menschen als Fremdkörper, die sie loswerden wollen.

Im Militär kann der Befehl sehr klar und eindeutig mit einer Todesdrohung verbunden sein, auf Befehlsverweigerung stand hier traditionell die Todesstrafe. Im zivilen Zusammenleben hat sich der Befehl „domestiziert“. Menschen befolgen Befehle, weil sie eine Belohnung erhalten. Der Befehl treibt die Leute nicht in die Flucht, sondern ruft sie herbei und gibt ihnen Aufgaben, in Form von Weisungen, Zielvereinbarungen, Aufträgen und „erzieht Menschen und Tiere zu einer Art freiwilliger Gefangenschaft, von der es alle möglichen Grade und Abstufungen gibt.“ (S. 363) Mit der Aussicht auf Nahrung, auf ein sicheres Einkommen lassen sich die Menschen zum Gehorsam dressieren.

Vernichtungsdrohung im Arbeitsalltag heute

„Hier wird keinem der Kopf abgerissen“ – launige Sprüche dieser Art, wie man sie gelegentlich im Jobcenter zu hören bekommt, sind eine Verharmlosung der gesetzlichen Realität. Denn die in den „Eingliederungsvereinbarungen“ aufgeführten Pflichten haben den Charakter von Befehlen. Die Domestizierung des Befehls, so Canetti, „verändert aber nicht vollständig das Wesen des Befehls. Die Drohung bleibt immer in jedem Befehl erhalten. Sie ist gemildert, aber es gibt erklärte Sanktionen, die auf Nichtbefolgung stehen: sie können sehr streng sein; die strengste ist die ursprünglichste, ist der Tod.“ (S. 363) Die Sanktionen des SGB II („Hartz IV“), die Kürzungen bis zum vollständigen Entzug des lebensnotwendigen Einkommens, sind eine ernste Drohung. Entsprechend eingeschüchtert verhalten sich die Erwerbslosen, aber auch die Beschäftigten im Niedriglohnsektor, befolgen zahllose Befehle, speichern zahllose Befehlsstacheln.

Disziplin, Befehlserwartung

Das Korsett der Befehle erzieht zu einer speziellen Disziplin, der militärischen: nur zu tun, was einem befohlen wird. Im Dienst befindet sich der Soldat im Zustand der Befehlserwartung, einer künstliche Erstarrung. (S. 367 ff.) Je mehr sich die Aktionslust im Soldaten staut, umso mehr sehnt er sich nach einem Befehl, der ihm etwas zu tun gibt. Die Gewohnheit, nichts zu tun, was einem nicht angeordnet wurde, findet sich nicht nur bei Soldaten. Gläubige, insbesondere in Klöstern, üben sich in ähnlicher Disziplin. Unsere Schul- und Arbeitsgesellschaft erzieht Menschen dazu, darauf zu warten, was im Unterricht drankommt, darauf zu warten, was einem im Job angeordnet wird. So kommt es, dass viele Arbeitslose es nachhaltig verlernt haben, ihre inneren Antriebe wahrzunehmen und zu entfalten. Sie verharren in der von Jahoda und Lazarsfeld beschriebenen Erstarrung, die durchaus als Zustand der Befehlserwartung gedeutet werden kann (2). Marx spricht von der Reservearmee der Arbeitslosen, die sich in Hab-Acht-Stellung für Jobs oder irgendwelche „Maßnahmen“ bereit halten. Hierzu passen auch die gelegentlich geäußerten Vorschläge, Arbeitslose zur Anwesenheit in einem Warteraum zu verpflichten, wo sie unmittelbar zu Jobs abkommandiert werden können.

Die geheime Disziplin der Beförderung

Darüber hinaus wird Druck ausgeübt, Eigenverantwortung und Kreativität zu beweisen. Hier genügt es nicht mehr, sozusagen traditionalistisch-militärisch in Befehlserwartung zu verharren. Gefordert wird ein Verhalten des vorauseilenden Gehorsams, die Entfaltung der eigenen Freiheit im Dienst fremder Interessen. Canetti sieht hier die „geheime Disziplin der Beförderung“ (S. 371 f.). Die nach Beförderung Strebenden wollen ihre vielen gespeicherten Befehlsstacheln loswerden. Auf einer höheren Hierarchiestufe können sie dies, indem sie alle Anweisungen, die sie vormals selber befolgen mussten, nun anderen erteilen können. Canetti beschreibt diesen Mechanismus in der simplen Befehlshierarchie des Militärs. Es wäre spannend, die Wirkungsweise von übereifrigem und streberhaftem Verhalten auch in flachen oder informell-versteckten Hierarchien aufzuspüren und darzustellen.

Freiheit heißt Nein sagen können

Christoph Spehr hat in seinem Aufsatz „Gleicher als andere“(3) die Forderung entwickelt, eine alternative, eine solidarische Ökonomie müsse eine hierarchiefreie Ökonomie der freien Kooperation sein. Es ist eine Ökonomie, in der keine Befehle befolgt werden müssen, weil die Menschen Ausweichoptionen haben und Nein sagen können. Denn „nur der ausgeführte Befehl lässt seinen Stachel in dem, der ihn befolgt hat, haften. Wer Befehlen ausweicht, der muss sie auch nicht speichern. Der ‚freie‘ Mensch ist nur der, der es verstanden hat, Befehlen auszuweichen, und nicht jener, der sich erst nachträglich von ihnen befreit.“ (S. 361) Frei ist der Mensch nur unter Gleichen, frei ist er oder sie nur, wenn er oder sie Befehle verweigern kann, ohne zum Helden werden zu müssen. Nur eine Gesellschaft, in der Befehle nicht befolgt werden müssen, in der keine Befehlsstacheln gespeichert werden, ist eine freie Gesellschaft.

Literatur:

(1) Elias Canetti: Masse und Macht, Frankfurt a.M. 1998 (zuerst 1960)
(2) Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langandauernder Arbeitslosigkeit. Frankfurt am Main 1975, zuerst 1933 ISBN 3-518-10769-0.)
(3) Christoph Spehr: Gleicher als Andere. Eine Grundlegung der Freien Kooperation, Berlin 2003, http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/texte9.pdf

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