Das volle Leben – für das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und gegen Bescheidenheit

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Gier und Unersättlichkeit gelten als Ursache der gefähr­lichen wirtschaftlichen Wachstumsdynamik. Deshalb wird die Perspektive einer Postwachstumsgesellschaft mit der Forderung nach einer bescheidenen Lebensweise verknüpft. Eine Forderung, die in die Irre führen kann. Denn im Zusammenhang mit der verhängnisvollen Wachstumsdynamik ist nicht die Unbescheidenheit, sondern die Bescheidenheit das größere Problem. Der Erwerbszwang nötigt zur Bescheidenheit, zu einem resignativen Kompromiss. Mögliches Glück wird auf dem Altar der Arbeit geopfert. Dieses allgemein übliche und als normal und vernünftig geltende Opfer führt zu zwei Fehlentwicklungen, die Vermehrung von Arbeit (a) und die Vermehrung von Konsum (b), die zu schädli­chem Wirtschaftswachstum führen. Ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) würde diese Nötigung zum Verzicht entscheidend verringern und damit auch die zwei Fehlentwicklungen korrigieren.

a) „Arbeit, Arbeit, Arbeit“
Das Ziel der Vollbeschäftigung wird in dem Maße immer irrationaler, je produktiver die Erwerbsarbeit werden kann. Hohe Produktivität führt heute nicht zu allgemeiner Erleichterung von der Mühe der Arbeit sondern zur permanenten Bedrohung der für die Arbeit potenziell Überflüssigen. Damit es genug Jobs gibt, muss deshalb bei steigender Produktivität in einem noch höheren Maße die Produktion gesteigert werden – egal ob die Produkte gebraucht werden – eine absurde Verdrehung und eine Ursache für unsinniges Wirtschaftswachstum. Wachstum schaffen, damit es Arbeit gibt, ist auch zentrales Ziel der Politik.
Das BGE würde die Geschäftsgrundlage des Arbeits­marktes verändern. Das Erwerbseinkommen wäre dann nicht mehr die unverzichtbare Existenzgrundlage. Niemand müsste sich mehr mit einer Job-Notlösung begnügen. Allen stünde die Option offen, mit weniger Erwerbsarbeit oder auch ohne Erwerbsarbeit ein glück­liches Leben zu führen. Die absurde Notwendigkeit, Jobs zu „schaffen“ und der daraus resultierende Zwang zum Wirtschaftswachstum wären beendet.

b) „Man gönnt sich ja sonst nichts“
Im Berufsleben müssen sich die Menschen verbiegen, durch schlechte Kompromisse, durch erzwungene Disziplin. Die gängige Entschädigung für den allgemein üblichen Glücksverzicht ist der Konsum. Eine mittels Arbeitszwang angeheizte Wirtschaft schafft kompensa­torische Konsumbedürfnisse und befriedigt sie mit nicht wirklich befriedigenden Konsummöglichkeiten. Luxuskonsum zur Status-Behauptung führt zu einer besonders fatalen und nach oben offenen Endlos-Schleife zu immer aufwändigerem Konsum.
In einer Gesellschaft mit BGE können die Menschen in höherem Maße das Berufsleben führen, das sie wollen.
Je weniger die Menschen in deformierende Jobs gesperrt sind, umso mehr können sie in ihrer Lebenszeit ihren Lei­denschaften nachgehen. Je anspruchsvoller, je unbeschei­dener sie in ihrem Berufsleben werden, umso weniger werden sie sich mit kompensatorischem Konsum trösten, umso weniger werden sie die Produktion anheizen.

Ökonomisch gesprochen verfehlen sowohl der Druck, mehr Jobs zu schaffen, als auch die Nachfrage nach kom­pensatorischen Konsumprodukten das Ziel der Wohl­fahrtssteigerung. Die Armutsdrohung und die autoritäre Verdienst-Moral verursachen irrationale Überproduktion und Wachstumsstreben. Schritte in Richtung BGE kön­nen den allgemeinen Druck und damit den Druck zum Wirtschaftswachstum verringern.
Freizeit und Muße werden an Qualität gewinnen, wenn alle Menschen, abgesichert mit einem BGE, über die Menge ihrer Freizeit entscheiden können. Je mehr sie ihren Tagesablauf selbst bestimmen können, je mehr Zeit sie haben, Tagebuch, Liebesbriefe zu schreiben, desto mehr werden sie über Kommunikation nachdenken, desto weniger werden sie süchtig konsumieren müssen. Je mehr Zeit sie für die anspruchsvollen Tätigkeiten der Muße haben, für bürgerschaftliches Engagement aller Art, etwa in Kultur, Politik und sozialen Projekten, desto weniger werden sie im stupiden Hamsterrad vom Geld­verdienen und Geldausgeben gefangen bleiben.
Voraussetzung hierfür ist immer ein „Genug“ an Ein­kommen: genug Geld für ein eigenes Zimmer, in das Freunde und Liebespartner eingeladen werden können, genug Geld, um am sozialen Leben teilzunehmen, genug Geld, um jemanden auf einen Kaffee einladen zu können.

Die wachstumskritische Forderung nach einem „Genug“ (Suffizienz) hat zwei Aspekte:
Alle sollen „genug“ haben, niemand weniger. Diese For­derung konkretisiert das bedingungslose Grundeinkom­men monetär.
Problematisch ist der zweite Aspekt: Niemand soll mehr als „genug“ haben. Es leuchtet ein, dass aufwändiges Konsumieren (Yacht, Privatflugzeug, Edelsteine) nicht verallgemeinerbar ist, und es ist notwendig, Ressourcen­verbrauch einzuschränken. Zu bedenken ist jedoch, dass das moralisch Fragwürdige eines aufwändigen Lebens­stils, nämlich die Unverschämtheit, anderen damit Arbeit zu machen, durch ein BGE „entwaffnet“ wird. Denn, abgesichert mit dem BGE, ist niemand mehr darauf angewiesen, die Reichen zu bedienen.
Außerdem sind die moralisierenden Attacken gegen Gierige und Unersättliche oft aus Missgunst motiviert. Und dieser moralische Affekt der Missgunst, der Wunsch, dass niemand aus der Reihe tanzen dürfen soll, ist ein Affekt, der sich gegen eine tolerante Gesellschaft wendet, in der sich alle so frei wie möglich entfalten können. Wer die Degrowth-Perspektive mit der Forde­rung nach einem vollen Leben für alle verbindet, muss sich deshalb mit der Vorstellung anfreunden, dass Unbescheidenheit, Unersättlichkeit und Gier nicht das Problem, sondern ein Teil der Lösung sein können.

Deutschsprachige Fassung des Beitrags vom 26. April 2014; Paper für http://leipzig.degrowth.org/de/

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Eine Antwort zu “Das volle Leben – für das bedingungslose Grundeinkommen (BGE) und gegen Bescheidenheit

  1. Lieber Robert,

    ich habe gestern angefangen den Text von Christoph Spehr zu lesen, super! Jemand mit Verstand und Mut zur Wahrheit. Dreh- und Angelpunkt aller gesellschaftlichen Änderungen ist der „Abbau von Herrschaft“. Solange dies nicht verstanden wird, sind alle Bestrebungen z.B. nach einem bGE entweder illusorisch (soweit es um Emanzipation geht) oder schlicht rassistisch (gBE für Weiße). Wer nicht den Mut aufbringt, den Abbau von privatem Eigentum an öffentlichen Gütern zu fordern – weil das zu radikal klingt, wer eine kooperative Güterverwaltung für bereits gescheitert ansieht (realexistierender Schwachsinn), ficht nicht für die Überwindung von entfremdeten Arbeit, sondern will sich zum neoliberalen Almosenempfänger a la Friedmann, oder Werner (der ja nur endgültig von jeder noch so geringen gesellschaftlichen Verantwortung, sprich Steuer befreit werden will) machen. Degrowth-Bemühungen ohne Abbau von Herrschaft ist luxuriöse Feigenblattpolitik von Wohlstandssklaven.
    Wer Zeit für Liebesbriefe haben will, muss den Mut aufbringen die Mörder und Weltversklaver entmachten zu wollen und selber in Verantwortung zu treten. Liebenswürdigkeit anderen gegenüber ist eine schöne Sache, aber wenn sie nur von den lieblichen Seiten redet und alle „unangenehmen“ Aspekte auslässt – weil dies Leute davon abschrecken könnte sich für bGE zu interessieren, lockt die falschen, die Schmarotzer und Abzocker an. BGE ist nur global und jenseits der heutigen pro-faschistoiden Herrschaftsstrukturen möglichen. Machthunger, Gier und Unersättlichkeit sind eindeutige Symptome psychischer Erkrankung. Unsere sogenannten Eliten sind bis in den Kern psychotisch (aus Angst) und davor die Augen zu verschließen – weil dies angeblich normal ist – wird zu einem sehr bösen Erwachen führen. Die Forderung sich den Bauch voll schlagen zu dürfen, während andere verhungern ist schlicht unethisch. Diese Gesellschaft, die einen Lebensstandart einfordert der nicht globalisierbar ist, die ergo – siehe Spehr – die Versklavung der Welt aktiv forciert, hat kein moralisches Recht ein bGE zu fordern. Wie lange will sich die hießige Bevölkerung noch einreden, sie und die Umstände ihres Daseins wären „normal“ und müssten von anderen toleriert werden? Wieviel Blut muss noch fließen, bis wir merken, dass wir die Mörder sind? Wir nähern uns nicht einem bGE, sondern einem alles vernichtenden Weltkrieg. Nehmt doch endlich den Kopf aus dem Sand und schaut euch um. Die Welt wird doch nicht schlechter wenn mensch sich ihr in Wahrheit zuwendet. Sympathie, Empathie, Phantasie wird doch nur so überhaupt möglich.

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