Das Märchen von Arbeit und Überfluss (von 2003)

Im großen Reich Konsumistan herrschte großer Wohlstand. Die Männer hatten alle Arbeit, verdienten genug Geld, um ihre Familien zu versorgen. Im Sommer fuhren alle Familien mit dem Auto in den Urlaub. Auch wenn jemand mal keine Arbeit hatte, was selten vorkam, dann mussten derjenige und seine Familie deshalb keine Not leiden, denn es galten die Überflussgesetze, und in diesen Fällen gab es Geld vom Staat.

Bei den unterschiedlichen Arbeiten, die es zu tun gab, wurde streng darauf geachtet, dass nicht zu viel Zeit verloren ging: Wissenschaftler, mit langen weißen Kitteln bekleidet, gingen durch die Werkhallen und durch die Büros und entwickelten Verbesserungen. Überflüssige Handgriffe wurden eingespart; unnötige Gespräche wurden untersagt, denn die Arbeiter und die Arbeiterinnen mussten scharf auf die Maschinen aufpassen, die auch immer besser wurden. Das Ergebnis war, dass die Arbeiter und die Arbeiterinnen in der jeweiligen Arbeitszeit noch viel mehr fertig brachten. Darauf waren die Arbeiter und die Arbeiterinnen sehr stolz.

Immer mehr Leute wurden für die Arbeit überflüssig. Wie schön! Diese hatten dann immer frei, und bekamen trotzdem Geld, wenn auch etwas weniger als die Arbeitenden. Das fanden die Arbeiter und die Arbeiterinnen allerdings auf die Dauer ungerecht. Sie nannten die für die Arbeit Überflüssigen „die Leichtlebigen“ und waren der Meinung, dass ihnen das Leben zu leicht gemacht wurde. Die Leichtlebigen hatten recht bald einen ganz schlechten Ruf. Darüber waren sie traurig, hatten ein schlechtes Gewissen und waren immer ganz unglücklich.

Immer mehr unglückliche Leichtlebige gab es. Die Nachricht davon drang auch in die Hauptstadt Kapitalia. Dort wohnten zehntausend schicke Beamtinnen, die an allen zehn Fingern Ringe hatten und am Kopf eine Dauerwelle. Sie tranken immer Kaffee und erzählten sich gegenseitig Geschichten vom Wochenende. Jetzt mussten alle Beamtinnen scharf nachdenken und eine Lösung finden. Nach tausend Tagen Nachdenken hatte die Beamtin mit der größten Dauerwelle, Frau Dr. Voll-Bischoff-Tiger, die rettende Idee: Wenn die vielen Leichtlebigen so unglücklich waren, weil sie nicht arbeiteten, so sollten sie alle ganz einfach arbeiten müssen. Und wie sollte das gehen: es wurden im Staate Konsumistan ganz einfach die Überflussgesetze abgeschafft. Denn dann gab es kein Geld mehr fürs Nicht-Arbeiten, und alle Leichtlebigen mussten, um am Leben zu bleiben, sich auf die Socken machen und überall nachfragen, ob es nicht doch was zu arbeiten gebe für sie. Für diese tolle Idee bekam Frau Dr. Voll-Bischoff-Tiger den großen Intelligenzorden. Die anderen Beamtinnen waren ein wenig neidisch, weil nicht sie es waren, denen so etwas tolles eingefallen war. Aber sie waren auch zufrieden: jetzt war wieder alles gut, und alle durften wieder Kaffee trinken.

Was geschah dann? Immer mehr Arbeit wurde geschaffen. Die Leichtlebigen machten lauter Arbeiten, auf die sie eigentlich gar keine Lust hatten: sie mussten mit hübschen Uniformen in Kaufhäusern oder U-Bahnhöfen herumstehen und aufpassen, sie mussten den Beamtinnen Pizza bringen oder ihnen Luft zufächeln. Wie erging es derweil den normalen Arbeitern und Arbeiterinnen? Sie hatten immer mehr Angst. Immer mehr Arbeit wurde eingespart, was ja eigentlich gut war. Aber die „Eingesparten“, so hießen die Leichtlebigen jetzt, hatten kein schönes Leben. Sie rannten überall herum, klopften an alle Türen und bettelten um Arbeit. Frau Dr. Voll-Bischoff-Tiger war sehr stolz und sagte: „Seht, das ist sie, die Selbstbestimmung und die Eigenverantwortung.“ Wenn sie so etwas sagte, machte sie dazu immer ein ganz ernstes und verantwortliches Gesicht. Im ganzen Land herrschte Reform-Taumel: Immer mehr Menschen mussten sich um Ihre Zukunft Sorgen machen, immer mehr Menschen mussten Arbeiten machen, die sie eigentlich gar nicht machen wollten und bekamen immer weniger Geld dafür. Da fingen dann doch manche an, nachzudenken. Wie konnte es nur soweit kommen? Und das im Überflussland Konsumistan!

Dann kam das große Pfingstwunder: plötzlich hatten alle eine Erleuchtung! Es ist ja genug da für alle, sagten sie sich, warum sorgen wir nicht dafür, dass alle die Möglichkeit haben, das zu tun, was sie am liebsten tun wollen. Das müsste doch wohl gehen. Die zehntausend Beamtinnen wurden ganz nervös, gingen auf die Straße und sangen immer im Chor „sparen, sparen, sparen, sparen“. Frau Dr. Voll-Bischoff-Tiger hielt viele beschwörende Fernsehansprachen, sagte „huh, huh, huh!“ und versuchte den Leuten damit Angst zu machen, aber es half alles nichts. Die Leute riefen laut „Schluss mit dem Blödsinn“ und beschlossen neue Überflussgesetze, so dass niemand mehr Angst vor Armut haben musste. Das Ergebnis war: die Leute konnten in ihrem Leben das tun, was sie am liebsten tun wollten. Wer faul sein wollte durfte dies. Den meisten war das Faulsein jedoch zu langweilig, und sie suchten sich ihre Lieblingsarbeit selber aus. Es war eine neue Zeit. Alle waren auch ein wenig überrascht, von der neuen Freiheit und von den vielen interessanten Arbeiten.

(Vorgelesen auf einer Veranstaltung in Berlin, Alte Feuerwache, am 14. Mai 2003)

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