Lernen lassen

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Das Wunder „Lernen“

Verblüffend und fast schon kränkend für die Älteren sind die fantastischen und schnellen Lernerfolge der Jungen.

Je intensiver die Faszination, desto intensiver mein Lernen. Ich staune, ich bin hingerissen, und muss überhaupt nicht von einer – wenig faszinierenden – Obrigkeit zur Aufmerksamkeit ermahnt werden. Versunken, konzentriert, andächtig bin ich gefesselt von dem was ich tue. Gefesselt und doch nicht in meiner Freiheit eingeschränkt.

Es kann gar nicht genug „Futter“ für meinen Bildungshunger geben. Das kann sein: ein Fußball, Material zum Basteln und Kunstwerke verfertigen, ein Computer, Bücher (und zwar alle Bücher und nicht nur „kindgerechte“). Und natürlich vor allem Leute, die mir etwas bedeuten können, Gleichaltrige, Ältere (Pädagogen und Nichtpädagogen), später im Leben zunehmend Jüngere …

Lehrerinnen und Lehrer: eindrucksvolle, manchmal sogar geliebte Personen, fast so wichtig wie die Eltern. Fenster und Türen werden aufgerissen für den Sturm des Ungekannten. Stories und Anekdoten, die nie vergessen werden. Diese Lehrer müssen nicht perfekt sein. Ein Problem entsteht erst dann, wenn mir ein Lehrer oder eine Lehrerin zwangsweise aufgenötigt wird. Nichts lernen kann ich von einer Person, von der ich nichts wissen will.

Verstehen heißt antworten. Lernen geschieht als Dialog und nicht als Einfüllung von Wissen in ein Gefäß („Belehrung“). Ein Dialog findet nur dann statt, wenn sich die Lehrenden für die Antworten der Lernenden wirklich interessierten. Peinlich ist das Abfragen von „richtigen“ – und uninteressanten – Antworten.

Auch ohne Lehrpersonal wird gelernt. Der Umgang mit Informationstechnik und mit neuen Kommunikationsmedien ist ein Beispiel. Junge, sehr junge Menschen lernen ohne Anleitung, unkontrolliert, intensiv, erfolgreich, bringen sich gegenseitig Sachen bei, und die Pädagogen stehen daneben und werden nicht gebraucht. Sie wären hier gut beraten, sich ihrerseits als Lernende zu begreifen und sich damit abzufinden, dass sie etwas langsamer sind als die Ihnen haushoch überlegenen Jugendlichen. Ein anderes Beispiel für die Überlegenheit und Pädagogen-Unabhängigkeit der Jüngeren: Liebe und Sexualität.

Lernen ist Menschen treffen, soziales Lernen. Ohne Ende werde ich mit beunruhigenden anderen Welten konfrontiert. Die Gewissheiten der Familie werden in Frage gestellt. Ich verliere den Boden unter den Füßen und gewinne neue Wahrheitsquellen.

Ich lerne die Freude wichtig zu sein, die Genugtuung andere in Erstaunen zu versetzen, die Trance andere zum Träumen zu bringen. Es kommt auf das an, was ich tue, ich werde ernst genommen. Unbändige Selbstdarsteller bewerben sich um die Wette, messen sich, verstricken sich und andere in ihre Dramen, demonstrieren ihre Künste, und setzen sich gegenseitig Grenzen. Nicht nur brav rezipieren und repetieren, sondern faszinieren und provozieren. Nie gehörte Stimmen, verwegene Spiele. Bewundern und immer mehr zum Wunder werden. Nicht „die Hörner abstoßen“ sondern Hörner wachsen lassen.

Die Tragödie der Eindimensionalität

Einladend ist Bildung, die mich mitnimmt, mich fasziniert, die mich dabei trainiert, was ich gerne und gut lernen kann. Ich lerne am intensivsten, wenn ich mich damit beschäftige, was mich ohne Zwang interessiert. Ausgrenzend ist Bildung, die mir meine Grenzen zeigt, indem sie mich zwingt, etwas zu lernen, was ich zurzeit nicht lernen will und deshalb auch nicht lernen kann. „Aber gibt es nicht Dinge, die alle können sollten?“ Lesen und schreiben: manche lernen es mit Feuereifer und überraschend schnell mit 5, 4 oder 3 Jahren. Viele würden es – genauso begierig und genauso schnell – mit 8, 9 oder 10 Jahren lernen, wenn ……. ja, wenn ihnen nicht die Lust, lesen und schreiben zu lernen, nachhaltig ausgetrieben worden wäre, durch den Zwang, es mit 6 oder 7 Jahren lernen zu müssen, und durch die Frustration, es in dieser Zeit nicht lernen wollen zu können.

Aus den vielen Dimensionen der unterschiedlichsten Talente wird in der Schule die eine Dimension: gute oder schlechte Noten. Die unterschiedlichsten Interessengebiete und Disziplinen werden zur einen Disziplin der „schulischen Leistungen“ verengt. Die Pseudo-Differenzierung in gute und schlechte „schulische Leistungen“ ist Gleichmacherei. Und hochgradig ineffizient: Lernhungrige, die auf ganz Unterschiedliches Lust haben, werden zusammengesperrt und müssen sich alle für dasselbe interessieren. Für die „Guten“ ist es viel zu leicht, sie sind unterfordert und angeödet. Die „Schlechten“ werden „gefördert“ und erleben dies als unerbetene Zudringlichkeit. Das Ergebnis der Sortierung durch Benotung sind die nach unten durchsortierten Bildungsopfer, die sich mit gesundem Trotz gegen ihre Deklassierung wehren. Diese Abwehr wird als Schulverweigerung und Bildungsferne angeprangert und mit noch mehr pädagogischen Übergriffen bestraft. Noch mehr Zudringlichkeit, und als Reaktion darauf noch mehr gesunder aber aussichtsloser Trotz.

Warum kann die Lust, den Hauptschulabschluss nachzuholen, nicht besonders groß sein? Weil dieser Abschluss ein Stempel ist, der Stempel „unten angekommen!“ Bildung absolvieren müssen, um Zugang zu Jobs zu erlangen, die in die Sackgasse führen und Entwicklungsmöglichkeiten versperren, die deklassieren und ausgrenzen und einen deshalb nicht wirklich interessieren können. Mit denen man sich aber abfinden muss, weil man das Geld braucht. Sich durch das enge und verklemmende Nadelöhr des bedingungslosen Jobzwangs drängeln und sich in die Erwerbsgesellschaft einfädeln. Hierfür haben sie sich mittels Bildung zu präparieren und „beschäftigungsfähig“ zu machen.

Klein beigeben müssen – das ist die Folie für das spätere Gehorchen müssen in den unteren Etagen des Arbeitsmarktes. Eine Pädagogik, die mit dem Androhen von Strafen „Anreize“ für das gewünschte Verhalten setzt. Bodenlos harte Bestrafungen wie Kürzungen des Existenzminimums, dürfen nicht als „Nudge“ (Anschubsen) verharmlost werden. Die besonders harten Sanktionierungen der Unter-25-Jährigen durch Hartz IV können nur demütigend wirken. Häufig erzieht das Prinzip Einschüchterung die Unterlegenen und Gedemütigten ihrerseits zu Einschüchterern. Die Stacheln der Befehle, die man befolgt hat, stecken in einem fest und warten ein Leben lang darauf, auf andere abgeschossen zu werden.

Freie Bildung und freies Lernen

Die Alternative zu unserem ambitionierten und dennoch suboptimalen Bildungswesen ist leicht zu erkennen: eine Win-Win-Situation mit faszinierten Lernenden und herausgeforderten Lehrenden. Lerninteressierte nutzen freiwillig – und durchaus verbindlich und langfristig – die Bildungsangebote, die sie interessieren. Sie freuen sich über ihre Übungserfolge. Aber auch für die Lehrenden öffnet sich eine neue und glücklichere Welt. Zu ihnen kommen nicht mehr Unfreiwillige und deshalb Unwillige, die erst mal „motiviert“ sprich bedroht werden müssen, zu ihnen kommen Lerninteressierte, die sie mit ihrem Bildungshunger nicht mehr in Ruhe lassen werden.

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