BGE als Voraussetzung für die produktive Entfaltung intersubjektiver Spannungen

1. Freiheit statt Angst in der Arbeitswelt – bedeutet dies Harmonie?

BGE-Befürworter argumentieren häufig, dass sie mit der Fürsprache für ein BGE zur Harmonie der Gesellschaft beitragen wollen. Das ist einerseits sicherlich richtig, denn die Abschaffung von Not und Armut wäre für zahllose Menschen eine immense Erleichterung und Befreiung von dem unsinnigen und unproduktiven Stress, den materielle Sorgen mit sich bringen. Diese Erleichterung, dieses „Durchatmen-Können“ ist sicherlich als Harmonisierung zu sehen. Aber es trifft auch zu, dass unsere kapitalistischen Gesellschaften – auf eine andere, nämlich ungute, verklemmte, erstarrte Weise – viel zu harmonisch sind: resigniert und erstarrt kleben die Leute an ihren Jobs, demotiviert und gelähmt bemühen sie sich, einen Job zu finden. Eine Harmonie der unterwürfigen Erwerbsorientierung.

Und in dieser Ausgangssituation würde die Stärkung der individuellen Freiheiten durch ein allgemeines BGE, also die Vermehrung der realen Freiheit aller Menschen, diesen Erstarrungszustand lockern und die Spannungen zwischen den Menschen beleben,

– Spannungen zwischen den Menschen in ihren persönlichen Beziehungen

– und auch die Spannungen zwischen den ökonomischen Kooperationspartnern.

In dem Maße, in dem die Bedrohung der physischen Existenz tabu ist und nicht mehr stattfindet, in dem Maße wird es immer besser möglich, Spannungen zu riskieren und auszuhalten. Dies wäre nicht von Nachteil. Wenn wir gespannt sind auf das was auf uns zukommt (und nicht verspannt sind durch das, was uns zwangsweise zugemutet wird), können wir am besten lernen, üben und wachsen.

Es geht mir also um zwei Abgrenzungen vom Common Sense (und um eine Unterscheidung):

a) Zum einen geht es mir um die Abgrenzung von der autoritären Position, dass es ohne BGE einen stärkeren Anreiz gäbe, sich im Leben zu bewähren, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen. Dieser Position entgegnen die BGE-Befürworter, dass die Bedrohung mit harter Armut die Leute vielleicht dazu motiviert, sich für den Arbeitsmarkt anzustrengen, aber nur in einer sehr eng auf den Erwerb ausgerichteten Weise. Die Armutsdrohung macht die Leute vielleicht dienstbereit, verbiegt und verfestigt sie aber zu servilen Dienern und Dienerinnen. Die Geringschätzung der individuellen Freiheit wäre allein schon Grund genug, gegen diese Position vorzugehen. Hinzu kommt noch, dass der Druck, die Existenznot des Lohnzwanges die Leute in ihrer Entwicklung beschränkt und sie nur zu unproduktiven Arbeitskräften dressiert und abrichtet.

b) Wichtig ist mir hier eine zweite Abgrenzung, die unter BGE-Befürwortern weniger üblich ist. Mit der Stärkung der individuellen Freiheit aller durch ein BGE, also mit mehr realer Freiheit für alle, kann und soll keine Welt der störungsfreien zwischenmenschlichen Harmonie entstehen. Natürlich müssen Not und Armut abgeschafft werden, mit der gesellschaftlichen Ausgrenzung wachsender Bevölkerungsteile muss Schluss sein. Insofern muss die Welt dringend harmonischer werden. Aber eben nicht im Hinblick auf den zwischenmenschlichen Umgang. Während heute alle kuschen, werden in der BGE-Welt die Leute anspruchsvoller werden und ihre Konflikte austragen.

c) Und drittens geht es mir darum, auf den Unterschied zweier verschiedener Freiheitsbegriffe aufmerksam zu machen.

2. Spannung und Unsicherheit angesichts der Freiheit der Anderen

Um ein Sensorium dafür zu entwickeln, wie eine spannungsvollere BGE-Gesellschaft sich vollziehen würde, ist es wichtig zu klären, welche Spannungen gemeint sind. Es geht darum, dass wir in intersubjektiven, zwischenmenschlichen Beziehungen leben, die deshalb und dann spannungsvoll und beunruhigend werden, wenn wir realisieren, dass wir frei sind. Der französische Philosoph Sartre hat dies herausgearbeitet. Zum einen sind wir als bewusste Wesen „zur Freiheit verurteilt“. Unser Leben ist immer auch das Ergebnis unserer freien Entscheidungen. Wir neigen dazu, uns, deterministisch, als Ergebnis biologischer Vorgänge (genetisches Programm) und gesellschaftlicher Prägungen zu sehen. Aber dies wäre eine Reduktion, denn es hat immer Freiheitsgrade gegeben, es gibt in jedem Moment Freiheitsgrade, sich anders zu entscheiden. Wir sind für unsere Entscheidungen verantwortlich, und wenn wir uns entscheiden, uns nicht zu entscheiden (sondern andere entscheiden zu lassen) so sind wir genau dafür verantwortlich. Dies ist die unbequeme Philosophie Sartres, die keine Ausreden gelten lässt.

Und zweitens erleben wir, im Kontakt mit anderen Menschen, den Blick des Anderen, der uns zum Objekt macht. Als wahrnehmende und handelnde Subjekte sind wir Mittelpunkt der Welt. Durch das Auftauchen des Anderen, in emotional bewegenden Situationen, erleben wir, dass es noch andere Mittelpunkte der Welt gibt. Sartres Beispiel ist hier das Beispiel des Erwischt-Werdens in einer peinlichen Situation, das Gefühl intensiver Scham. Ich erlebe mich plötzlich als Objekt für ein anderes Subjekt, das mich wahrnimmt. Dieses Objekt kann ich nicht sehen, aber ich weiß, dass ich es bin. Es ist eine ganze Dimension meines Seins, die mir auf diese Weise entgeht. Der Andere sieht nicht nur meinen Körper, als Ding, er sieht mich als bewusstes Wesen, mit meinen Hoffnungen, mit meinen Enttäuschungen, alles wird Objekt für ein anderes Bewusstsein. Auch vieles, was man für sein Innenleben hält, ist für andere offensichtlich. Mein ganzer Lebensentwurf ist kann für Andere so klar sichtbar und erkennbar werden wie er für mich nie sein wird. Dieses Vom-Anderen-Erblickt-Sein ist für mich ein intensives Erlebnis, das mich beunruhigt und Spannung erzeugt. Wir sind fremder Freiheit ausgesetzt, so Sartre. Er gründet hierauf seinen Begriff der Entfremdung. Den Blick des Anderen erleben wir als Entfremdung.

Nun kann ich natürlich zurückblicken, kann mich als Subjekt behaupten und den Anderen zum Objekt machen. Damit kann ich aber mein Erblickt worden sein nicht ungeschehen machen. Es bleibt die Beunruhigung, dass ich etwas bin, was ich so nie sehen werde, wie es die anderen sehen können.

3. Subjekt-Objekt heute, unter der beschränkenden Rahmenbedingung der Lohnabhängigkeit

Wir sind Subjekt, und wir erleben, dass wir auch Objekt sind. Wie zeigt sich diese Subjekt-Objekt-Beziehung im Rahmen des kapitalistischen Lohnverhältnisses?

Zunächst durch eine Hierarchie. Charakteristisch für das Lohnverhältnis ist,

– dass die eine Seite (der Unternehmer, der Chef, der Auftraggeber, der Kunde) überlegen und vergleichsweise unabhängig ist

– dass die andere Seite, der Angestellte, der Lohnabhängige, der prekäre Selbstständige unterlegen und vom Kooperationspartner, der ihm das Geld zahlt, in hohem Maße abhängig ist

Hier erlebt sich der Lohnabhängige zunächst als Objekt. Dem Blick desjenigen ausgesetzt, von dem er sich Bezahlung erhofft

  • der Unternehmer, bei dem er sich bewirbt oder für den er arbeitet,
  • der (potenzielle) Auftraggeber, bei dem er Akquise macht oder für den er arbeitet,

versucht er sich als nützlich darzustellen.

Umgekehrt wird sich der Kunde oder der Chef, der darüber entscheidet, ob er eine Arbeitskraft für seine Zwecke nutzen will oder eben nicht, den Lohnabhängigen als ein mehr oder weniger nützliches Objekt sehen, ihn als mehr oder weniger wertvoll beurteilen und daraufhin entscheiden, ob er ihn beschäftigen und bezahlen will.

Der seine Arbeitskraft Verkaufende wird üblicherweise seinen Diensteifer, sein Anstelligkeit darstellen. Er wird im Lohnverhältnis die Vielfalt seiner Entfaltungsmöglichkeiten auf das für den Käufer Nützliche beschränken. Der Kunde, also der Chef oder der Auftraggeber, ist in der Situation, die ihm am nützlichsten erscheinenden Arbeitskräfte auszuwählen.

Natürlich gibt es auch die Situation, dass die Arbeitskräfte, die Beschäftigten, in einer starken Verhandlungsposition sind, etwa wenn es gefragte Fachkräfte sind. Aber in den unteren Regionen des Arbeitsmarktes, wo das bedingungslose Grundeinkommen die größte Bedeutung hat, herrscht regelmäßig ein Machtungleichgewicht zu Ungunsten der Beschäftigten.

Nun kann auch der in der Hierarchie unten Befindliche, also der Lohnabhängige, zurückblicken und ist dann Subjekt, und auch der Chef bzw. Kunde erlebt sich als Objekt: Zum Beispiel wird der Lohnabhängige den potenziell Lohn-Zahlenden (Kunden, Chef) hinsichtlich seines Qualität als Geldquelle beurteilen, sowie hinsichtlich der Eigenschaften der verlangten Tätigkeiten, die Attraktivität des Jobs.

Umgekehrt wird der Käufer der Arbeitskraft den Lohn zahlen müssen und sich schon vorher als zuverlässig und zahlungskräftig darstellen müssen. Und er muss verständlich machen können, was überhaupt getan werden soll. Er wird „Führung“ performen und dabei einen autoritären oder kooperativen / partizipativen Führungsstil an den Tag legen.

Subjekt Objekt
Kunde, Chef, Unternehmer die Nützlichkeit der Arbeitskräfte beurteilen Nachfrage äußern,zahlen können, motivieren, streng sein, „führen“, Arbeitsaufgabe darstellen
Lohnabhängige/r Nutzen und Attraktivität des Jobs beurteilen Arbeitsangebot: nützlich, motiviert, servil sein

Der entscheidende Punkt ist hier die Beschränktheit der Entfaltungsmöglichkeiten unter der Rahmenbedingung des Lohnzwanges. Aus Sorge, auf jeden Fall ihr Lohneinkommen sicherzustellen, werden die Lohnabhängigen nur ein beschränktes Repertoire entwickeln. Dieses wird gut zu den Erwartungen der Zahlenden passen. Insofern wird die Rahmenbedingung der kapitalistischen Lohnabhängigkeit durchaus eine bestimmte Art von Einklang, von Harmonie hervorbringen, im besten Fall sogar so etwas wie eine produktive Arbeitsatmosphäre. Diese Harmonie wird aber erkauft durch weit gehende Freiheitseinschränkungen und kann deshalb nicht positiv beurteilt werden. Konflikte und Spannungen werden unterdrückt, da die Lohnabhängigen sich eine Ablehnung nicht leisten können.

Die unter der Rahmenbedingung des Lohnzwanges auftretenden Verhaltenseinschränkungen und Entfaltungseinschränkungen werden auch einen Mangel an Phantasie und Kreativität nach sich ziehen und beinhalten insofern auch einen Nachteil für die Zahlenden, also die Kunden und Chefs.

4. Entfremdung mit Entdeckerfreuden

Mit dem Begriff der Entfremdung kann Unterschiedliches gemeint sein. Marx kritisiert, dass wir gezwungen sind, uns als die Ware Arbeitskraft für fremde Zwecke, für die Zwecke des Käufers anzubieten, dass wir unsere Lebenszeit damit verbringen müssen, fremden Zwecken zu dienen (um unser Leben zu ver“dienen“). Durch die Beendigung des Kapitalismus kann dieser schlechte Zustand beendet werden.

Sartre zeigt, dass wir Entfremdung erleben, sobald wir uns als Objekt für ein fremdes Subjekt erleben. Diese Entfremdung ließe sich auch durch gesellschaftliche Verbesserungen nicht abschaffen. Unser Objekt-Sein für Andere ist eine Dimension unseres Seins, die uns unser Leben lang beunruhigt und die unser Interesse an Selbsterkenntnis motiviert. Wer bin ich für die Anderen? Wie die Anderen mich sehen und erleben, ist für mich etwas höchst Reales, und trotzdem werde ich mich nie mit den Augen eines Anderen sehen können. Erkennen kann ich mich nur über den Umweg der Kommunikation mit den Anderen. Der Andere „besitzt den Schlüssel zum Geheimnis meines Seins“, so Sartre. Insofern ist die Leidenschaft für andere Menschen, in der Liebe, in der Sexualität, immer auch die Leidenschaft der Selbsterkenntnis. Und wer dieser Leidenschaft nachgeht, muss aus sich heraus gehen, muss etwas riskieren. Muss sich ins Ungewisse hinein entfalten, denn es ist immer ungewiss, wie die anderen uns wahrnehmen und erleben werden. Das Objekt, das ich für andere bin, habe ich nie „im Griff“, es ist immer im Besitz der Anderen. Allenfalls kann ich die Anderen dazu motivieren (nie zwingen!) mich mehr oder weniger gut zurück zu spiegeln.

Sartre behandelt die Dramatik der zwischenmenschlichen Beziehungen, Liebe und Sexualität ausführlich und mit großer Klarheit.

In groben Zügen lassen sich wesentliche Aspekte in einer Vier-Felder-Matrix dastellen:

1. Menschen haben Lust auf die Anderen, sie wollen sie kennen und lieben lernen. Sie sind neugierig, sie können sich einfühlen, sie können verstehen. (Subjekt)

Sie ermutigen sie, aus sich heraus zu gehen, und sie geben ihnen Feedback. Über Sprache, vor allem Körpersprache, aber auch verbalisiert, erfahren die Menschen von anderen, wer sie sind. (Objekt)

2. Und damit sind wir bei der Selbsterkenntnis: die setzt voraus, dass ich das Feedback der anderen auch empfangen kann, dass ich neugierig darauf bin, was ich von anderen über mich erfahren werde, dass ich zuhören kann. (Subjekt)

Und damit die Anderen überhaupt etwas haben, worauf sie ein Feedback geben können, muss ich ihnen auch etwas bieten. Ich muss aus mir heraus gehen, mich „produzieren“ können. Es geht um die Kunst, faszinierend, verführerisch zu sein. Es sind immer Schritte ins Ungewisse, es ist immer ein Risiko. (Objekt)

Aber nur so entsteht individueller Erfahrungsreichtum, beim Aufeinanderprallen von Freiheiten, die viel riskieren und die ein Leben lang neugierig aufeinander sind.

Subjekt (empfangen) Objekt (senden)
1. Lust auf die Anderen (kennen und lieben lernen) Neugier auf Entfaltungen der Anderen,
Empathie, Verstehen
Ermutigung, aus sich herauszugehen (Geborgenheit und Provokation)
Feedback; den anderen mitteilen wer sie sind
2. Selbsterkenntnis Neugier auf das Feedback der Anderen, zuhören können aus sich herausgehen, „sich produzieren“, senden

Die 68-er haben gegen die „Angepassten“ polemisiert. Das ist zu kurz gedacht. Interessant ist hier eine doppelte Bedeutung von Anpassung („fit“): Einerseits wäre eine Welt sehr öde und langweilig, in der sich alle – in vorauseilendem Gehorsam – an das anpassen, was von ihnen erwartet wird – oder noch schlimmer: was sie glauben, dass von ihnen erwartet wird. Diese servile Art der Anpassung wäre erstarrt und leblos, und ich fürchte, dass unsere Arbeitsgesellschaft zu einem großen Teil aus dieser Art von Anpassung besteht und dass deshalb die Polemik der 68-er nur zu berechtigt wäre. Aber Anpassung kann auch Empathie bedeuten, Einfühlung in die Entfaltungsphantasien der Anderen. Und da wir in unserem Glückserleben (Liebe, Sexualität) auf Andere angewiesen sind, ist in dieser Hinsicht eine gekonnte und einladende Anpassung keine Selbstbeschränkung, sondern die Voraussetzung für glückliche Entfaltung, für Lebensfülle.

5. Zwischenmenschliches Üben, soziales Lernen.

Nicht Harmonie ist das Ziel, sondern Erfahrungsreichtum. Erfahrungsschätze können Menschen dann sammeln, wenn sie von ihrer Freiheit, zu der sie verurteilt sind (Sartre), Gebrauch machen. Durch Beharren auf vermeintlich sicheren Positionen versäumen sie dies. Risikofreudiges / unangepasstes und schamloses / unverschämtes Aus-sich-Herausgehen (Objekt) und maßlos neugieriges Kennenlernen-Wollen (Subjekt) sind Voraussetzungen dafür, soziale und kommunikative Kompetenzen zu erlernen. Konflikte und Spannungen sind dabei unumgänglich. Es gilt, die Spannungen zu entdecken und zu entfalten. Es sind – bzw. es wären dies in einer Hierarchie-freien Welt – horizontale Spannungen zwischen Menschen. In „Du mußt dein Leben ändern“ führt Sloterdijk den Begriff der Vertikalspannungen ein, Spannungen die uns nach Höherem streben lassen, die unser Üben (Üben in vielerlei Hinsicht: Lernen, Arbeit, Sport, Spirituelles) motivieren. Den Fokus vor allem auf Spannungen nach oben zu lenken, lässt die Menschen als eigentümlich autistische Monaden erscheinen, die an irgendwie elastischen Marionettenfäden hängen, die sich kaum noch für einander interessieren, und wenn, dann nur noch zum Zwecke der eigenen Vervollkommnung. Von Beginn an wird unser Leben bestimmt durch Spannungen zwischen Menschen. Interessant ist, dass die primäre Spannung, die zu den Eltern, tatsächlich als Vertikale gesehen werden kann. Die Sloterdijksche Beschränkung des Übungs-Themas auf die Vertikalspannung, die Spannung zum Trainer, zum Lehrer, zum Chef, zum spirituellen Meister, ließe sich als Symptom für ein ubiquitäres (allgegenwärtiges, überall verbreitetes) Hierarchieproblem sehen. Es ist wichtig, den Sloterdijkschen Vertikalspannungen einen Hierarchie-freien Begriff der Spannungen zwischen den Menschen zur Seite zu stellen. Diese könnte man etwa Horizontalspannungen nennen (obwohl Sloterdijk den Begriff anders einführen möchte), oder intersubjektive Spannungen, oder Freiheiten-Spannungen. Freiheiten wären hier im Plural zu nennen, denn immer geht es um das Aneinander- und Ineinander-Geraten von 2 oder mehreren Freiheiten.

Auf Sloterdijk hinzuweisen, ist deshalb wichtig, weil er so nachdrücklich auf a) die Notwendigkeit und b) den historischen Tatbestand des Übens verweist. Und im Zwischenmenschlichen kann gar nicht genug geübt werden. Es gibt viele Defizite, viele rituelle und „kulturelle“ (z.B. – immer noch – religiös motivierte) Erstarrungen und Lernbehinderungen, z.B. unsinnige sexuelle Vorschriften, z.B. unüberprüft übernommene Höflichkeitsregeln. Kommunikativ gibt es unendlich viel hinzuzulernen.

Soziales Lernen wird immer dann stattfinden, wenn nicht nur die Einhaltung von Regeln eingeübt wird, sondern wenn Regeln immer auch als – vielleicht – vorläufige, durch bessere Regeln ersetzbare begriffen werden. Es geht um das Finden von Regeln, die soziales Lernen begünstigen, welches wiederum (u.a.) in diese Regeln einübt. Und es geht um die Regel, möglichst gute Bedingungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich entfalten können, Erfahrungen machen können, dass Phantasien entstehen können und ausgetauscht werden, dass „Unerhörtes“ erstmals gesagt werden kann, dass Menschen sich in Erstaunen versetzen und dass sie bereit sind, sich von Anderen in Erstaunen versetzen zu lassen.

Hier sind einstweilen ohne Ende Kulturtechniken zu entwickeln, die eben gerade nicht auf Harmonie und Dämpfung der Leidenschaften abzielen, sondern auf Belebung und Zivilisierung charakteristischer Spannungen wie Rivalität, Eifersucht, Asymmetrien aller Art (nicht zusammen passende Wünsche und Erwartungen). Lernen darf nicht auf Kanalisierung und Reduktion abzielen, es muss Erweiterung, Wachstum, Verwandlungen fördern. Es springt ins Auge, dass der einschüchternde und disziplinierende Charakter unserer Arbeitsgesellschaft, der die Leute zurichtet, dressiert, ihnen ihre Unbescheidenheiten, ihren Stolz austreibt, in dieser Hinsicht ein Problem darstellt. Um soziale und kommunikative Kompetenzen üben zu können, ist ein BGE, also eine gesellschaftliche Regel, die allen die materiellen Existenzbedingungen garantiert und nicht an ein hierarchisch kontrolliertes Wohlverhalten kettet, die bessere gesellschaftliche Regel. Die heute geltende Regel des Lohnzwanges erzeugt hierdurch Spannung, indem er die Menschen zeitlebens unter Druck setzt. Die BGE-Gesellschaft ermöglicht es den Menschen, wieder auf etwas gespannt zu sein.

6. BGE gut für weite /allgemeine Verbreitung kommunikativer Kompetenz / freie Kooperation

Der Klage über den Druck der heutigen Lohngesellschaft kann entgegengehalten werden, dass jene Menschen, die ihre Freiheiten nutzen, die die Freiheit der Anderen anerkennen und deshalb viel Glück in Freundschaften, in der Liebe, in der Sexualität erleben, die deshalb sozial und kommunikativ kompetent sind, dass diese Menschen regelmäßig auch beruflich erfolgreicher sind. Ihnen kann der Druck des Arbeitsmarktes nichts anhaben, denn sie werden es verstehen, auch beruflich einen befriedigenden Weg zu gehen. Spräche dieser Einwand nicht dafür, die BGE-Forderung hintan zu stellen und statt dessen allgemein Crashkurse für soziale Kompetenz anzubieten? Erübrigte sich nicht Frage nach sozialer Sicherung, nach sozialen Transfers, nach dem BGE für alle? Nein, denn bei Fortdauer des kapitalistischen Lohnzwanges wird es immer das untere Ende des Arbeitsmarktes mit der dort charakteristischen Unterbietungskonkurrenz geben. Allgemeine kommunikative Kompetenz diente hier nur dazu, die Konkurrenz um miese Jobs auf ein höheres Niveau zu heben. Der Zwang, sich in diesem Arbeitsmarktsegment verdingen zu müssen, bliebe erhalten, ebenso die Hierarchie der Vertragspartner zu Ungunsten der Arbeitskraft-Anbieter, ebenso der Zwang, ein im Marxschen unguten Sinn entfremdetes Arbeitsleben zu führen. Die Ermutigung, aus sich heraus zu gehen, vom Leben ALLES zu wollen, die Anderen zu fordern und nicht mit Konformismus zu langweilen, würde kollidieren mit dem faktischen Zwang, sich einem Brötchengeber unterzuordnen (Chef, Kundschaft, Behörde). Um die Möglichkeit, aus sich heraus zu gehen, den Anderen eine unbequeme, Spannung-verursachende Zumutung zu sein, um diese Möglichkeit zu einer wirklich allen Menschen offen stehenden Möglichkeit zu machen, muss es vorab materielle Sicherheit für alle geben. Das Leitbild einer hierarchiefreien freien Kooperation ist konsequent zu Ende zu denken. Ein bedingungsloses GE ist notwendig, damit die Kooperationspartner sich gegenseitig – auf Augenhöhe – Bedingungen stellen können. Erst wenn alle die Möglichkeit haben, das Angebot ihrer Arbeitskraft aus eigenem Entschluss zu verknappen, sind sie nicht mehr gezwungen, angesichts der Verknappung von Arbeitsplätzen devot und servil zu werden. Erst wenn alle die Möglichkeit haben, ihren Mitmenschen nachhaltig zur unbequemen Zumutung zu werden, werden sie nicht mehr Zumutungen widerstandslos über sich ergehen lassen müssen. Erst wenn die Möglichkeit besteht, Nein zu sagen und ohne Arbeit ein auskömmliches, anspruchsvolles Leben zu führen, erst dann werden die vormals Lohnabhängigen „Nein, so nicht!“ sagen können und über die Gestaltung der Kooperation in nennenswertem Maße mitbestimmen können. Erst dann werden sie erfahren, dass Lern-Fortschritte in der eigenen kommunikativen Kompetenz auch Verbesserungen in der eigenen Lebenswelt nach sich ziehen. Sie werden die Selbstwirksamkeits-Erfahrungen machen, die nach allgemeinem medizinischen Kenntnisstand von so zentraler Bedeutung für die Salutogenese, also einen gesundheitsförderlichen Lebensvollzug sind. Und je mehr die vormals in der Hierarchie unten befindlichen Kooperationspartner aus sich heraus gehen, Phantasie und Kreativität entwickeln, um so mehr werden auch die vormals in der Hierarchie oben befindlichen Kooperationspartner von der Stärkung ihrer Mitarbeiter („Mitarbeiter“, ein in den 70er Jahren egalitärer, danach zunehmend – euphemistisch – auf die Untergebenen angewandter Begriff) profitieren. Und wenn dann immer noch die Leute im Sinne von Foucaults Gouvernementalitäts-Gedanken mit ihrer Freiheitsentfaltung fremden Zwecken dienen, so ist der Unterschied zu einer Freiheitsentfaltung in einer Welt des kapitalistischen Lohnzwanges klar zu erkennen. Nicht gewünscht, nicht wertgeschätzt zu werden, ist dann immer noch eine Enttäuschung, aber keine unmittelbar physische Bedrohung mehr. Die Nachfrager nach Arbeit können nicht mehr befehlen und drohen, sie müssen ebenfalls aus sich herausgehen – und um ihre Arbeitsplätze werben. Ein heilsamer „nudge“ für Arbeitgeber stünde auf der Tagesordnung. Je mehr sie vom hohen Ross der Arbeit-schaffenden Wohltäter herunter gestoßen werden, um so mehr werden sie sich gezwungen sehen, auch ihrerseits soziale Kompetenzen zu erlernen. Gut für alle Beteiligten. Je weniger wir unter einer unguten Dauerspannung leiden, verspannt und verbogen sind und sein müssen, umso mehr können wir – wieder oder erstmalig – auf einander gespannt sein. Vielleicht wird sich herausstellen: Je mehr wir auf die Freiheit der Anderen angewiesen sind, umso mehr werden wir lernen, die Freiheit aller auch zu wollen.

7. „Reale Freiheit“ und „zur Freiheit verurteilt“

Auch dann, wenn mittels BGE die reale Freiheit aller gestärkt ist, bleiben die Menschen zur Freiheit verurteilt. Die Erfahrungen müssen sie selber machen. Die damit verbundenen Anstrengungen kann ihnen niemand abnehmen. Es bleibt der zutiefst unbequeme und beängstigende Umstand, dass ich es bin, der die Schritte gehen muss, der die Entscheidungen treffen muss. Und nicht nur das Unbequeme der eigenen Freiheit, auch das Unperfekte und Unvorhersehbare der Freiheiten der Anderen wird in einer Welt mit BGE ein Problem bleiben. In diesem Zusammenhang sollte die BGE-Gesellschaft nicht als eine Welt der Harmonie sondern eine Welt der – friedlichen – Konflikte und Spannungen erwartet werden. Auf dem Weg zum BGE ist es wichtig, sich auch über das Unbequeme und Verunsichernde der Freiheit Rechenschaft abzulegen.

Vortrag für den BIEN-Kongress München-Ottobrunn 2012, Version vom 8. Sept. 2012

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