Dialektik der Leistung

Der Ort des Glücks zwischen Anerkennung und Verweigerung

Ein Beitrag für die antirassistische Zeitschrift ZAG Nr. 60/ 2012.

Glücksforscher wissen: der „Flow“ des selbstversunkenen Tätigseins macht glücklich. Kinder sind nicht faul. Sie wollen spielen. Zwar immer nur 20 Minuten, dann wollen sie zur Abwechslung etwas anderes – aber was ist falsch daran? Wenn Bedingungen geschaffen sind, die allen ermöglichen, in Freiheit tätig zu sein, werden die meisten genau dies auch lernen: in Freiheit tätig sein. Was heute verhindert wird. Die Androhung von Not, diese entscheidende absichtsvoll erzeugte und aufrechterhaltene Rahmenbedingung des Arbeitsmarktes (zumindest seiner „unteren“ Regionen), zerstört massenhaft die Motivation, selbstbestimmt tätig zu werden. Gehorchen macht krank – somit stecken Erwerbslose und Niedriglöhner in der Gesundheitsfalle fest: denn nicht gehorchen und den Job verlieren oder Kürzungen von Transfereinkommen hinnehmen ist auch nicht gesünder. Die Abschaffung des bevormundenden und demütigenden Workfare-Sozialstaates ist Voraussetzung für Salutogenese, für die Erfahrung von Selbstwirksamkeit, für die Freude am Erfolg. Denn in diesem Sinne ist der Workfare-Sozialstaat sogar Leistungs-hemmend und Leistungs-unterdrückend. Die „Dialektik der Leistung“ lässt sich auf diesen Punkt bringen: gekonnte Leistungsverweigerung als eine Bedingung der Auflösung der leistungshemmenden Wirkungen des Leistungsprinzips.

Hohe Arbeitsproduktivität würde eine allgemeine Entlastung von der Mühe der Arbeit ermöglichen. So lange diese Entlastungsmöglichkeiten gesellschaftlich nicht realisiert werden, so lange das geltende Leistungsprinzip die Lohnabhängigen in eine bodenlose Unterbietungskonkurrenz treibt, so lange führt herkömmliche Leistungsbereitschaft zu einem kollektiv schlechten Ergebnis. Leistungs-Verweigerung wäre die bessere Leistung.

Leistung ist, zunächst und physikalisch gesehen, etwas Quantitatives: Arbeit pro Zeit. Ein Profisportler bringt auf einem Fitnessgerät mehr Leistung als ein unsportlicher Mensch. Je mehr Arbeit pro Stunde, desto höher die Leistung. Leistung ist Produktivität, die mittels Übung, Arbeitsteilung und technischem Fortschritt gesteigert werden kann und auch wird. Gesellschaftlich (Ausnahme: der Einsiedler, der auf die Vorteile der Arbeitsteilung verzichtet) ist Arbeit immer: etwas für andere tun. Ebenso Leistung. Es entspringt dem Urteil anderer, inwieweit das was ich tue als Leistung anerkannt wird. Bei der Frage, wie „gut“ eine Leistung ist, geht es um eine Wertung: die Verhandlung zwischen Vertragspartnern auf Märkten. Über die Qualität meiner Leistung befinden jene, die meine Leistung konsumieren, bezahlen, kontrollieren, begutachten, sie wie auch immer anerkennen oder eben nicht anerkennen. Insofern ist Leistung immer auch Kommunikation: ohne den Sklavenhalter, der mich antreibt, ohne den Kapitalisten, der meine Leistung ausbeutet, ohne den Kunden, der meine Dienstleistung nachfragt, ohne die Arbeitsvermittlerin, die meine Bewerbungsbemühungen kontrolliert, ohne die Familienmitglieder, die meine Familienarbeit – dankbar oder undankbar – nutzen, ohne den Geliebten, der sich über meine Liebe freuen kann, würde ich ins Leere agieren, keine anerkannte Leistung bringen. Wenn ich darüber klage, dass es ungerecht ist, dass ich nicht anerkannt werde und darauf bestehe, dass das was ich tue (oder das was ich tun könnte, falls ich auf Arbeitssuche bin), doch einen hohen Wert habe, nehme ich den Standpunkt eines Anderen ein, und tue so, als sei ich der Andere, der meine Leistung beurteilt. Aber dass die wirklichen Anderen meine Leistung genauso beurteilen, dazu kann ich sie nicht zwingen. Die Wahrheit über den Wert meiner Leistung liegt in der Freiheit und im Ermessen der anderen.

Surfen auf der Welle des Fortschritts

Nun sind die Klagen der „Minderleister“ über die Ungerechtigkeit, die die „Leistungsträger“ begünstigt, durchaus berechtigt: Denn der von anderen anerkannte Erfolg einer Leistung beruht nur zu einem kleinen Teil auf dem Beitrag, der wirklich der individuellen Anstrengung zugeschrieben werden kann. Der weitaus größere Teil des Erfolges meiner Leistung, Ökonomen wie Herbert Simon (vgl. Offe 2009: 138) sprechen von 90 Prozent, beruht auf gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, kulturellen Ressourcen, die ich nutze, ohne sie selbst geschaffen zu haben. Das sind einerseits ganz handfeste Infrastrukturen, wie Verkehrswege oder Kommunikationsinfrastrukturen, andererseits das kumulierte, allen verfügbare gesellschaftliche Wissen, die Sprache, Kulturtechniken, der Umstand, dass Menschen zivilisiert miteinander umgehen, die Rechtsordnung usw. „Leistungsträger“ surfen auf einer großen Welle gesellschaftlichen Fortschritts, zu der sie ihrerseits immer nur einen kleinen Beitrag leisten – wenn überhaupt. Damit soll den Erfolgreichen ihr Erfolg nicht kleinlich missgönnt werden. Aber die weniger Erfolgreichen haben ein Problem: sie sind im Sinne eines eng verstandenen Leistungsprinzips dazu verdammt, von den Früchten ihrer Leistung zu leben, und wenn der Markterfolg ihrer eigenen (oder eben, siehe oben, zu 90 Prozent eben nicht „eigenen“) Leistung zu gering ist, haben sie ein zu geringes oder gar kein Einkommen. Deshalb sollte, zur Finanzierung eines bedingungslosen Grundeinkommens, den erfolgreichen „Surfern“ ein Teil der Früchte ihres Erfolges als Steuer wieder abgezweigt werden, um jenen, die nicht so geschickt auf dieser Welle surfen können, ein Auskommen zu ermöglichen. Diese Verteilungskorrektur ist nicht als temporärer Notbehelf zu sehen (z.B. „so lange, bis alle Arbeit haben“), sondern als dauerhaftes Gegensteuern gegen eine ansonsten quasi naturwüchsig sich verstärkende Ungleichverteilung. So weit könnte man sogar im Sinne des Leistungsprinzips argumentieren: die Leistungsträger sollen Anspruch auf die Früchte ihrer Leistung haben, nämlich auf die 10 Prozent, die von ihnen erbracht werden. Über die Verteilung der restlichen 90 Prozent kann aus dem Leistungsprinzip keine Erkenntnis gezogen werden, weil die Schöpfer dieser 90 Prozent entweder nicht mehr leben oder individuell nicht identifizierbar sind.

Auf der einen Seite steht der Produktivitätsfortschritt, also die zunehmende Verüberflüssigung menschlicher Arbeitskraft, und auf der anderen das geltende Leistungsprinzip, mit den Früchten der eigenen Arbeit (also aus der Bezahlung der eigenen Arbeit durch andere) sein Leben verdienen zu müssen. Zwei Seiten, die nicht gut zusammen passen: Immer mehr „Überflüssige“ müssen in der drangvollen Enge  des Arbeitsmarktes immer intensiver darum konkurrieren, als Arbeitskräfte gebraucht und bezahlt zu werden. Das Ergebnis ist bekannt: eine bodenlose und keineswegs auf ein „gesundes“ Gleichgewicht zusteuernde Unterbietungskonkurrenz um zunehmend unattraktive Jobs, Prekarisierung. Wenn wir an den Gedanken anknüpfen, dass Leistung etwas ist, was gut für die Anderen ist, so sehen wir hier, dass die Leistungsbereitschaft für Billigjobs zwar für den je Einzelnen vielleicht der einzige Ausweg ist, aber für viele Andere, genauer gesagt, für die Lohnabhängigen, ein schlechtes Ergebnis, eine zunehmende Verschlechterung der Marktposition hervorbringt, darstellbar mit der spieltheoretischen Struktur des Gefangenendilemmas: individuell rationales Verhalten mit einem kollektiv irrationalem Ergebnis. Hohe individuelle Arbeitsbereitschaft bewirkt kollektiv die zunehmende Selbstdeklassierung der Deklassierten.

Wenn die normale Leistungsbereitschaft über den Mechanismus der Unterbietungskonkurrenz zu einer Verschlechterung der Gesellschaft führt, wäre es interessant zu wissen, welche Art Leistung zu einer besseren Gesellschaft führt, die die Armut nachhaltig abschafft und die Unterbietungs- und Prekarisierungs-Abwärtsspirale beendet. Wie können Einzelne der Prekarisierungs-Entwicklung erfolgreich Widerstand entgegentreten? Erfreulicher Weise nicht mit einem Opfer, sondern mit etwas mehr Egoismus. Die Leute müssen wieder lernen, das zu tun, worauf sie Lust haben. Warum? Wenn Arbeit das ist, was Mühe macht, was de Leute nur tun, wenn sie mit einem Lohn dafür entschädigt werden (also das „Arbeitsleid“ der Neoklassik), und wenn gleichzeitig Arbeit durch Produktivitätsfortschritt immer überflüssiger wird oder werden könnte, dann sind jene die besten Vorreiter einer besseren Zukunft, die auf Arbeit verzichten und beim Gerangel um Jobs den anderen den Vortritt lassen.

Schön und gut, soweit. Nur: genau diese vornehme Zurückhaltung in puncto Arbeit können sich viele nicht leisten. Der absichtliche Verzicht auf Lohneinkommen ist in einem auf Workfare orientierenden Sozialstaat nicht vorgesehen. Der Workfare-Sozialstaat erzwingt die Teilnahme an der Unterbietungskonkurrenz. Transfereinkommen für Arbeitslose gibt es nur als Leistung bei Gegenleistung: vor allem bei der Bemühung, die Geld-Bedürftigkeit zu verringern oder, besser noch, zu beenden. Etwaige auf ein Leben in Selbstbestimmung zielende Berufspläne haben keine Bedeutung. Alle Ansprüche an eine interessante und erfüllende Arbeit sind auf der Suche nach dem x-beliebigen Job hintan zu stellen. Glück muss als Opfer dargebracht werden auf dem Altar der Arbeit. Es herrscht Lohn-Extremismus, Lohn-Fundamentalismus: nur der Lohn für eine Leistung ist ein gerechtes Einkommen. Diese gesetzliche Situation wird vom Mehrheitswillen der Bevölkerung getragen. Ressentiments gegen Ausgegrenzte nehmen zu, sei es als „Nützlichkeitsrassismus“ gegen vermeintlich oder tatsächlich Unnütze, sei es als „Klassismus“ gegen Deklassierte. An dieser Klippe scheitert der Appell, unsere Leistungsgerechtigkeit um eine „solidaristische“ Komponente zu ergänzen; durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens (vgl. Van Parijs  1997).

Glückliche Arbeitslosigkeit – eine „Leistung“

So wird die Leistungsverweigerung zur schwersten Leistung. Von Workfare-Transfereinkommen zu leben, ohne die Beendigung der Inanspruchnahme zu beabsichtigen, ist gesetzlich verboten. Der glückliche Arbeitslose muss ein doppeltes Spiel spielen. Gegenüber der Behörde, also der Hand, die ihn füttert, muss er sich verstellen und glaubhaft die Rolle des unglücklichen Arbeitslosen spielen. In seinem Wirkungskreis muss er als Arbeitsloser glücklich sein. Der aus dem Unterbietungswettbewerb ausgestiegene und insofern moralisch vorbildliche Leistungsverweigerer muss erfolgreich an den Arbeitsergebnissen der anderen partizipieren und andere mit seiner Leistungsverweigerung anstecken – sprich, er muss ein Parasit sein: sich von der Arbeitsbereitschaft der anderen nähren und diese Arbeitsbereitschaft gleichzeitig schwächen. Die bemitleideten Ausgegrenzten werden zu bewunderten und beneideten Parasiten, zu schillernden Figuren, bei denen man nicht recht weiß, warum es ihnen eigentlich so gut geht. Sympathisch und verführerisch, so dass man ihnen ihr Parasitentum gönnen kann. Es geht um die Leistung, in prekären Lebensverhältnissen auf ansteckende Weise glücklich zu sein. Aufruhr verursachen können, Gruppen aufmischen können – ohne das übliche Brachiale der Macher, der Alpha-Tiere. Politische Aktivisten sind oft Workoholics; es fällt ihnen schwer, das Recht auf Faulheit glaubhaft zu verkörpern; in dieser Hinsicht können sie eine mußevollere und glücklichere Zukunft nicht gut vorleben. Und die wirklich Faulen, die Couch Potatoes, einsam zu Hause, bewirken auch nichts.

Vielleicht hilft das Nachdenken darüber, was eigentlich eine sexuelle „Leistung“ ist. Spontan fallen einem zuerst Sex-Sportler aus Pornofilmen ein, die ausdauernd, hochfrequent und in den allerschwierigsten Stellungen sexuelle Aktivitäten vollbringen. Aber ist es wirklich die höchste Lust, die hier dargestellt wird? Ginge es nicht viel mehr um Zartheit und Empathie, Einfühlungsvermögen; um die Kühnheit, Unsagbares auszusprechen; um rebellische Frechheit und den Humor, schräge Situationen freundschaftlich zu retten; Missverständnisse aufzuklären, zumindest von alten zu neuen Missverständnissen weiterkommen. Im Zustand der Schwäche glücklich sein.

Gefragt ist die Fähigkeit, Lust auf Respektlosigkeit wecken zu können, Respektlosigkeit gegenüber der anklagenden Selbstgerechtigkeit der Arbeitseifrigen, gegenüber dem autoritären Lohn- und Leistungs-Dogma. Respektlosigkeit, heißt nicht, die Armen zu verhöhnen, wohl aber die gesellschaftliche Idiotie, die die Armut verursacht. Es geht um den Mut, den stirnrunzelnden Selbstgerechten ins Auge zu blicken, um den Mut, ungewöhnlichen Situationen standzuhalten, nicht um Tapferkeit und Opferbereitschaft. Keine Selbstheroisierung, keine Selbstüberschätzung. Immer wieder wird die Angst vor der Armut Ressourcen binden, Potenziale lähmen, den Schwung bremsen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle wäre eine Impfung der Gesellschaft gegen Unterwürfigkeit. Eine neue gesellschaftliche Geschäftsgrundlage: Nicht mitmachen müssen, ohne Not jederzeit aussteigen können. Die Möglichkeit, unnütz und schwach und trotzdem glücklich sein können. Gefragt ist die Fähigkeit, dieses neue Lebensgefühl durch eine Coolness der Leistungsverweigerung vorwegnehmen zu können. So kann Lust auf Opposition gegen die allseits abverlangte Dienst- und Opferbereitschaft geweckt werden. So kann eine neue Welle des Fortschritts, eine Welle der Befreiung vom kleinlich-autoritären Lohnextremismus entstehen. Wobei es hier „kein Recht auf Denkfaulheit“, so Wolf-Dieter Narr auf dem Kongress zum Recht auf Faulheit in Berlin 2001, gibt. Es bleibt eine gedankliche Höchstleistung, zu verstehen, wie es gelingen kann, aus dem Schlamassel einer dumm-und-arm-machenden Leistungsgesellschaft herauszukommen. Eine bessere Welt ist möglich. Der gesellschaftliche Reichtum ebenso wie die Lust, aus dem eigenen Leben etwas Vernünftiges zu machen, sind allgegenwärtige Realität. Und doch sind die Kräfte übermächtig, die diesen Fortschritt verhindern.

Das Leistungs-Dogma, „aus eigener Kraft“ sein Leben zu verdienen, erfreut sich ungebrochener Lebendigkeit und Wirkmächtigkeit. So kommt es, dass bei Protesten wie beispielsweise in Spanien die Jugendlichen Arbeitsplätze fordern und nicht – vernünftigerweise – einfach nur Geld. Es ist bedrückend, wie in vielen Oppositionsbewegungen international die Abschaffung der Armut reflexhaft mit der Schaffung von Arbeit verbunden wird. Hier verstellt die langwierige Nachwirkung der protestantischen Arbeitsethik den Blick auf die Möglichkeit direkter Armutsbekämpfung mittels Grundeinkommen. Jahrhunderte lang wurde „der faule Neger“ (Gronemeyer  1991) von den Kolonisatoren zum Lohnarbeiter zugerichtet. Ähnlich fatal wie der europäische Calvinismus wirkt mittlerweile der Konfuzianismus in den emerging economies in Asien – Grund genug, die Kritik an einem verhängnisvollen Leistungsethos in einem internationalen Kontext zu sehen. Grund genug, auch international dafür zu streiten, dass für alle Menschen ein mußevolleres Leben möglich wird.

Literatur

Gronemeyer, Reimer (Hg.) (1991): Der faule Neger. Vom weißen Kreuzzug gegen den schwarzen Müßiggang. Rowohlt Verlag, Reinbek

Offe, Claus (2009): Familienleistung jenseits der Marktarbeit – das bedingungslose Grundeinkommen, in: Starke Familie – Solidarität, Subsidiarität und kleine Lebenskreise, Bericht der Kommission „Familie und demographischer Wandel“, 2009.

Van Parijs, Philippe (1997): Real Freedom For All: What (if anything) can justify capitalism? Oxford: Clarendon Press.

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