„Freizeit statt Arbeit“ – Flugblatt von 2005

Enthemmung der autoritären Arbeitsgesellschaft – ohne Alternative?

Die Hartz IV-Reformen setzten die Arbeitslosen unter Druck. „Mutig“ sei es, die Existenzsicherung der Schwächeren der Gesellschaft zu bedrohen. Zur Verschär­fung der Zumutbarkeit, also zu massiven Freiheitseinschränkungen, gebe es „keine vernünftige Alternative“.

Der Druck gegen die Arbeitslosen, die Drohung von Armut und Arbeitszwang, richtet sich auch gegen die anderen Lohnabhängigen, bewirkt Einschüchterung und Disziplinierung. Arbeit um jeden Preis. Arbeitslose und Beschäftigte lassen sich in eine Unterbietungskonkurrenz treiben, in eine Abwärtsspirale der wechselseitigen Entsicherung.

In der sturen Fixierung auf den Kampf gegen die Arbeitslosigkeit sind sich alle einig: die Regierung, die Wirtschaft, die rechten Oppositionellen und auch viele Linke. „Arbeit her!“ rufen manche Protestierende und verfestigen damit das Verhängnis der Arbeitsgesellschaft.

Nun ist eine Ursache der Arbeitslosigkeit die immer weiter steigende Produktivität der Arbeit: für immer mehr Arbeitsergebnisse wird (z.B. wegen technischem Fort­schritt) immer weniger Arbeit benötigt. Paradiesische Aussichten, eine Welt mit immer weniger Arbeit, immer weniger Mühsal und Plackerei? Doch diejenigen, deren Arbeit nicht mehr benötigt wird, geraten in Not: ihre persönliche Existenz­sicherung ist an einen Lohn für eben eine solche überflüssige Arbeit gekoppelt. Die für die Arbeit Überflüssigen müssen sich, und zwar, weil sie überflüssig sind, im­mer mehr um Arbeit bemühen – das ist die „Logik“ des Lohnzwanges in der kapita­listischen Überfluss-Ökonomie. Die Existenzangst nimmt wieder zu, und das in einem der reichsten Länder der Welt, das reicher ist als je zuvor.

Und dazu „keine Alternative“? Eine Alternative zu der widersinnigen Verstärkung des Arbeits-Druckes wäre die Entlastung der Individuen vom Druck zur Arbeit durch ein bedingungsloses Grundeinkommen an alle.

Dessen vier Hauptmerkmale stehen in direkter Opposition zu Hartz IV:

– Das Grundeinkommen ist ausreichend hoch, z.B. 1.000 € pro Monat, es ist inso­fern die Abschaffung der Armut (und, nebenbei, eine stabile Konsumnachfrage).

– Das Grundeinkommen wird an alle Personen individuell ausgezahlt und nicht an Haushalte oder „Bedarfsgemeinschaften“.

– Es ist keine Bedürftigkeitsprüfung erforderlich. Schluss mit der unwürdigen Schnüffelei der Behörden im Privatbereich der EmpfängerInnen.

– Das Grundeinkommen ist nicht an die Bedingung der Arbeit oder Arbeitsbereit­schaft gekoppelt, ist also eine „Leistung ohne Gegenleistung“.

Die Bedingungslosigkeit ist der wesentliche Unterschied zu den herkömmlichen Sozialeinkommen. Das Grundeinkommen befreit mich vom Zwang, für meine Existenzsicherung zu arbeiten, und verringert auf diese direkte und unkomplizierte Art und Weise die Lohnabhängigkeit im Kapitalismus. Es stärkt die individuelle Freiheit vor allem der ökonomisch Schwächeren. Beispiel: Jetzt gilt die Devise, dass sich niemand mehr zu schade sein darf für welche Arbeit auch immer. Dage­gen ermöglicht das Grundeinkommen sehr wohl, sich für eine ungewünschte Arbeit zu schade zu sein (oder einen höheren Lohn als Entschädigung auszuhandeln). Auf diese Weise ist das Grundeinkommen ein ökonomischer Anreiz zur Abschaffung unattraktiver Arbeiten.

Das Grundeinkommen macht möglich: Freizeit statt Arbeit. Muße lässt wieder Phantasie entstehen, und daraus hervorgehend Innovation, Fortschritt.
Die Perspektive: a) eine Gesellschaft der freien Kooperation; b) wachsendes Ver­trauen darauf, dass die selbst gewählten Tätigkeiten auch relativ sinnvoll für andere sein werden; c) gestärkte Verhandlungsposition der Beschäftigten in den Betrieben; u. v. m. Dies ist die Alternative zur repressiven und depressiven Angst-Arbeits­gesellschaft, die durch Perspektivlosigkeit, innere Kündigung und Mobbing geprägt ist.

Zur Umsetzung: Das Grundeinkommen wird durch eine stärkere Belastung der hö­heren Einkommen finanziert. Deshalb wird es seitens der NettozahlerInnen Wider­stand gegen die Umverteilung zugunsten der Schwächeren geben. Auch der Abbau der Erpressbarkeit und Verfügbarkeit der Arbeitskräfte wird nicht allen gefallen.

Besonders peinlich ist jedoch, dass die Lohnabhängigen selber überwiegend gegen das Grundeinkommen und für ihre fortgesetzte Unfreiheit optieren werden: Sie wollen „auf eigenen Beinen“ stehen, wollen Lohnabhängigkeit pur („gestärkte Eigenverantwortung“), sie akzeptieren beharrlich die autoritäre Arbeitsgesellschaft: Ich arbeite also darf ich sein; das Recht zu leben habe ich mir zu ver„dienen“ (es sei denn, ich bin anerkanntermaßen „arbeitsunfähig“, also z.B. alt oder krank). Kein unverdientes Leben, kein unverdientes Glück! Die Gemeinschaft fordert von allen ihren Beitrag, zumindest „Mühe“, Unterordnung, Verfügbarkeit, Dienstbereitschaft. Alle haben der Gemeinschaft ihr Opfer an Lebenszeit darzubringen. Autoritär ist die anklagende Selbstgerechtigkeit der Arbeit, die resignierte Bescheidenheit, ver­bunden mit einem Gerechtigkeitsdrang: dass die Pflicht zum Opfer für die Gemein­schaft für alle gilt, dass niemand entrinnen darf.

Keine Kritik an den Sozialkürzungen ohne Kritik der Arbeit!

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